Unterwegs in der Ferienregion
Fabio Luzio – der aktuell höchste Bündner
Ende August fand in Savognin ein grosses Fest in der Sala Grava statt. Mit musikalischen Darbietungen, politischen Reden, amüsanten Anekdoten und mit vielen Menschen, die stolz sind, dass ihr Tal innerhalb des Kantons etwas mehr Aufmerksamkeit erhält als sonst. Gefeiert wurde zu Ehren von Fabio Luzio, einem jungen Politiker und Unternehmer, der zwei Tage zuvor zum neuen Standespräsidenten von Graubünden gekürt worden war. Der Grosse Rat in Chur hatte ihn mit einem Glanzresultat gewählt.
Interessiert an Menschen
Die Jagdkollegen überraschten Fabio mit einem geschmückten Einachser (Rapid) und fuhren ihn damit zum Festplatz. Später spielte er Sousaphon mit den lokalen Fetters Sursetters, seiner Guggenmusik. Fabio ist ein geselliger Mensch und in mehreren Lokalvereinen aktiv. Er redet gerne mit Menschen und will wissen, was sie warum beschäftigt und antreibt. Darum war ihm wichtig, dass nicht nur geladene Gäste an der Standespräsidentenfeier dabei waren, sondern auch Freunde und Bekannte, interessierte Ein- und Zweitheimische – und besonders junge Menschen. Speziell ihnen möchte er die Politik näherbringen, damit sie sich für ihre Anliegen aktiv engagieren. Auch dazu will er sein Präsidialjahr nutzen.
Nur einer war jünger
Mit seinen 35 Jahren ist er der zweitjüngste Standespräsident der Bündner Parlamentsgeschichte, die bis ins Jahr 1803 zurückreicht. Damals wurde Graubünden ein Kanton der damaligen Schweiz. Der letzte Sursetter, der dieses Amt innehatte, war Baltermia Peterelli im Jahr 1992. Nun ist also Fabio Luzio ein Jahr lang der offiziell höchste Bündner. Als Standespräsident leitet er die Debatten des Bündner Parlaments, bereitet die Sessionen vor und vertritt den Grossen Rat nach aussen.
Wir treffen Fabio oberhalb von Savognin an der Veia d’Alp, einem seiner Lieblingsplätze im Tal. Hier steht das Haus seines kürzlich verstorbenen Grossvaters, das er im Sommer selber renoviert hat. Die Sonne scheint, die Luft ist klar und wir geniessen die schöne Aussicht und die Ruhe. Es ist ein guter Ort, um dem frischgebackenen Standespräsidenten ein paar Fragen zu stellen.
Fabio, wie bist du eigentlich zur Politik gekommen?
Ich war schon immer politisch interessiert. Bei uns zuhause am Küchentisch wurde viel und angeregt diskutiert. Vor gut 5 Jahren, 2021, fragte mich dann die FDP, ob ich für den Grossen Rat kandidieren wolle. Ich bin gewissermassen in die Politik hineingerutscht, im Wahlkampf packte mich aber der Ehrgeiz.
Was gefällt dir an der Politik?
Das Zuhören, der Austausch mit vielen verschiedenen Menschen. Ich will verstehen, warum jemand eine Meinung hat, um dann einen gemeinsamen Weg zu suchen. Politik bedeutet für mich, Brücken zu bauen; denn nur so kann man etwas bewegen. Wer etwas will, muss mit den Leuten reden, Gleichgesinnte finden und mehrheitsfähige Lösungen ausarbeiten. Mich interessiert generell, was Menschen denken und sie bewegt.
Was willst du als Standespräsident bewirken?
Ein Drittel des Parlaments ist neu, die Mehrheiten haben sich verschoben. Meine Hauptaufgabe wird sein, den Rat so gut es geht zu einen, um gemeinsame Lösungen zu finden. Deshalb werde ich Meinungen früh sondieren, die Fraktionen abholen und Schwerpunkte setzen. Selber muss ich in meiner Rolle neutral sein, ich bin der Botschafter des Rats, quasi der Chefdiplomat.
Was sind deine Aufgaben neben dem Leiten der Parlamentsdebatten?
Eine wichtige Aufgabe ist der Vorsitz in der Präsidentenkonferenz, welche die Sessionen plant und organisiert. Eine gute Vorbereitung ist dabei zentral und mit viel Arbeit verbunden. Im Vorfeld gilt es, so gut wie möglich vorzusondieren, damit Lösungen an der Session erzielt werden können. Zudem werde ich während des Präsidialjahrs zwischen 100 und 150 Veranstaltungen besuchen. Wie ich das alles schaffe, weiss ich noch nicht (lacht), aber irgendwie wird’s schon gehen.
Du bist seit vier Jahren im Grossen Rat. Was nimmst du aus dieser Erfahrung mit ins neue Amt?
Wichtig ist, andere Meinungen zu respektieren. Und auch, sich zu bemühen, andere Meinungen zu verstehen. Ich überlege heute genauer, bevor ich etwas sage, und frage mich, was meine Aussage bewirken kann. Nicht nur in der Politik, sondern auch im Beruf und im Privaten. Und ich musste lernen: Politik ist hart – aber sie macht mir enorm Spass.
Gefragter Energiefachmann
Auch neben der Politik hat Fabio Luzio einen gedrängten Terminkalender. 2025 gründete der Elektroingenieur zusammen mit Lucas Däscher die Firma Arcuna in Cunter, die im Bereich von Energiespeicherlösungen tätig ist. Arcuna plant und realisiert Grossbatteriespeicher, die das Stromnetz stützen, also beispielsweise Schwankungen aus erneuerbaren Energien ausgleichen. Eine solche Anlage ist seit Kurzem in Cunter in Betrieb: der Grossbatteriespeicher BESS Surses.
«Diese Entwicklung mit Grossbatterien steht erst am Anfang», sagt Fabio, der Geschäftsführer der Firma ist. «Wir leben in einer sehr spannenden Phase mit der Energiewende, dem gleichzeitig steigenden Strombedarf und der Notwendigkeit zu mehr Nachhaltigkeit.»
Von klein auf politisch interessiert
Aufgewachsen ist Fabio Luzio in Sur und Marmorera. Sowohl sein Vater (in Sur) als auch sein Grossvater (in Marmorera) waren Gemeindepräsidenten. Am Küchentisch wurde entsprechend oft debattiert und argumentiert. Die Politik wurde ihm also in die Wiege gelegt. Möglichst früh ein politisches Amt zu besetzen, war jedoch nicht Fabios Plan. Für ihn standen Beruf und Ausbildung (MAS in Energiewirtschaft) im Vordergrund – und auch das Reisen, etwa nach Südamerika, Asien oder Israel. Er liebt es, andere Kulturen zu entdecken.
Doch dann kamen die Grossratswahlen 2022, und die FDP Surses suchte nach einer guten Kandidatur. Die Parteileitung fragte Fabio Luzio an, dessen Grossonkel die FDP-Ortspartei einst mitgegründet hatte.
«So nervös war ich noch nie»
Im Frühling 2026 waren die nächsten Grossratswahlen und wieder gab es drei Gegenkandidaten. Diesmal wurde Fabio Luzio mit grossem Vorsprung wiedergewählt. Der erste Schritt zum Standespräsidenten war damit getan – und am ersten Tag der Augustsession folgte der zweite: Der 120-köpfige Grossrat kürte ihn zum höchsten Bündner für ein Jahr. Die erfolgreiche Wahl im Parlament (117 Stimmen von 119 gültigen) war eine reine Formalität, da in der Regel immer der Vizepräsident des Vorjahres gewählt wird.
Die eigentliche Wahl fand 2025 innerhalb der FDP-Fraktion statt, als es um das Amt des Vize-Standespräsidenten ging – und diese sei kein Spaziergang gewesen, sagt Fabio: «So nervös war ich noch nie. Teilweise war es auch hart, wenn Meinungen über dich direkt und ungefiltert geäussert werden.» Schlussendlich hat sich die FDP-Fraktion entschieden, einem Jungen die Chance zu geben. Fabio setzte sich zum Teil gegen sehr erfahrene Politiker durch.
Heimatverbunden und weltoffen
Der neue Standespräsident sitzt vor dem Haus seines Grossvaters und blickt über sein Heimattal. Neben dem politischen Rummel schätzt Fabio die Ruhe der Berge. In seiner Freizeit geht er gerne auf Hochtouren, im Wallis oder im Engadin, wo er drei Jahre gelebt hat, bevor er bewusst wieder ins Surses zurückkehrte. «Hier zu sein, hat für mich Priorität, aber der Aussenblick tut ebenfalls gut. Ich gehe immer wieder gerne weg, um Neues zu sehen. Diesen Mix brauche ich.»
Sein Präsidialjahr will Fabio mit Demut, Dankbarkeit, aber auch Neugier und Freude angehen. «Es wird intensiv, herausfordernd und voller Begegnungen», weiss er. Und wir dürfen uns auf ein Jahr freuen, in dem das Surses sichtbarer wird. Durch einen Mann, der zuhören kann, Brücken baut und sich für seine Region starkmacht.
Text: Franco Furger und Bettina Bergamin
Fotos: Gion-Nutegn Stgier, Archiv
39 Wahlkreise und Doppelproporz
Der Grosse Rat des Kantons Graubünden hat 120 Sitze, die sich auf 39 Wahlkreise verteilen. Wie viele Sitze ein Kreis bekommt, hängt von seiner Bevölkerungszahl ab. Der Grosse Rat versammelt sich sechsmal im Jahr. Die Präsidentenkonferenz – geleitet vom Standespräsidenten – organisiert und koordiniert die jeweils dreitägigen Sessionen. Das Parlamentsgebäude befindet sich in Chur. Gewählt wird alle vier Jahre nach dem sogenannten Doppelproporz, einem Wahlsystem, das speziell auf die Eigenheiten Graubündens zugeschnitten ist. Zuerst wird kantonsweit ermittelt, wie viele Sitze jede Partei erhält. Erst dann werden die Sitze auf die einzelnen Kreise verteilt. Wichtig: In Kreisen wie dem Surses mit nur einem Sitz ist immer diejenige Person mit den meisten Stimmen gewählt (Majorz). Der proportionale Ausgleich zwischen den Parteien erfolgt über die grösseren Wahlkreise.
Mehr Informationen zum Grossen Rat und der gesamten Organisation: ris.gr.ch
Die Firma Arcuna
plant und realisiert Grossbatteriespeicher sowie Ladeinfrastruktur mit integriertem Speicher und hat ihren Sitz in Cunter. Die Firma ist schweizweit tätig.