Inhalt Interview
Bedeutender Fund im Surses
Bisherige Forschung und neuer Fund
Seit 2021 unternimmt der Archäologische Dienst Graubünden archäologische Forschungen zu einem römischen Gefechtsfeld im Oberhalbstein (Surses). Beteiligt ist dabei auch eine grosse Zahl ehrenamtlicher Detektorgänger*innen der Arbeitsgemeinschaft Prospektion Schweiz. Einer davon entdeckte im Herbst 2023 bei seinen Recherchen in der Umgebung eine auffällige Geländestruktur in der Flur Colm la Runga, rund 900 Höhenmeter über dem bisher untersuchten antiken Gefechtsfeld bei Burvagn. Der ehrenamtliche Helfer nutzte dafür die seit Sommer 2023 freigeschalteten, hochauflösenden digitalen Geländemodelle von Swisstopo, sogenannte LiDAR-Daten (Light Detection and Ranging).
Strategisch günstige Lage und archäologische Bedeutung
Der Standort des neu entdeckten Lagers auf dem Colm la Runga wurde sicherlich aus strategischen Gründen gewählt. Von hier bietet sich ein weites Panorama in die wichtigsten umliegenden Talschaften und auch die damals als Passage bedeutende Lenzerheide konnte ideal eingesehen werden.
Die sensationelle Auffindung eines römischen Militärlagers in Graubünden verdeutlicht einmal mehr, dass die archäologische Erforschung der «römischen Schweiz» weiterhin grossartige Überraschungen bereithält. International herausragend ist die Entdeckung auf dem Colm la Runga auch deshalb, weil sich der Vormarsch der römischen Streitkräfte vor 2000 Jahren nun über mehrere Dutzend Kilometer präzise verfolgen lässt: vom Bergell über den Septimerpass bis in die Gegend von Tiefencastel – und von dort weiter in Richtung Chur und das Alpenrheintal.
CVMBAT.
Der römische Alpenfeldzug im Surses?
Erfahren Sie mehr über das Forschungsprojekt.
Drei Fragen an…
Dr. Hannes Flück, Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Archäologischen Dienst Graubünden und Co-Leiter des Forschungsprojekts CVMBAT im Surses.
Seit 2021 leitet Dr. Hannes Flück die archäologischen Forschungen im Surses zum römischen Gefechtsfeld, das etwa kurz vor Christi Geburt datiert ist. Dabei konnten bereits zahlreiche Funde wie Waffen und Ausrüstungsteile römischer Soldaten und lokaler Kämpfer - darunter Schleuderbleie und Schuhnägel - gemacht werden.
Wie überraschend war der Fund des neuen Lagers für Sie?
Sehr überraschend, denn das letzte Jahr hätte das letzte mit einer Feldkampagne werden sollen. Die Entdeckung des Lagers ermöglicht ein viel besseres Verständnis der Ereignisse vor gut 2000 Jahre, indem nun eine ganz Gruppe von Fundstellen, eine eigentliche Konfliktlandschaft, erkennbar wird.
Welche Spuren haben die Römer hinterlassen?
Die Kuppe der Flur Colm la Runga ist mit zwei bis drei Befestigungsgräben eingefasst, welche im Gelände noch heute erkennbar sind. Zu diesen gehört zudem ein Wall, welcher aus Rasenziegeln gebaut wurde. Dies konnten wir vor allem durch unsere Grabungen nachweisen. Unter den Funden sind auch erneut Schleuderbleie mit Stempeln der III. und X. Legion wie sie auch auf dem Gefechtsfeld und auf dem Septimerpass entdeckt wurden. Dies belegt einen unmittelbaren Zusammenhang dieser Fundstellen.
Welche Funde dürfen im Surses noch erwartet werden?
Das entdeckte Lager bot Platz für höchstens 100 römische Legionäre, auf dem Gefechtsfeld kämpften aber wohl bis zu 1500 Mann. Ein Lager für die restliche Truppe wäre also zu erwarten. Auch die Frage, ob der Vorstoss beim Crap Ses endete oder ob sie über die Lenzerheide und an den Bodensee weiterzogen, ist bisher archäologisch nicht belegt.
Wie geht es nun weiter?
Die im Gelände gefundenen Spuren wurden dokumentiert, im Büro nun genauer studiert und ihr Zusammenhang mit bereits entdeckten Funden untersucht. Am Ende werden wir eine klarere Vorstellung zum Bau, der Nutzung und der Funktion des Lagers haben. Für 2027 ist eine Ausstellung im Rätischen Museum und auch im Surses geplant. Dort sollen kleinere Ausstellungen an den Fundorten über das Geschehene informieren und thematische Führungen angeboten werden.