Unterwegs mit der Pilzexpertin Rosemarie.

Von Röhrlingen, Täublingen und Ritterlingen

Wer kennt sie nicht, diese kleinen wohlriechenden und gut schmeckenden Pilze, mit ihren unterschiedlich geformten Hüten. Mal in braun-beige dann in anthrazit oder doch ein leichtes rosa mit Lamellen. Die Artenvielfalt ist endlos und im Detail meistens wunderschön, wenn auch manchmal ungeniessbar und gar giftig. Richtig – heute gehen wir pilzlen.

Fürs Pilzlen braucht es nicht viel: Rüstmesser, Körbe, Pilzbücher und – was am wichtigsten ist – Gespür und Fachwissen. Davon besitzt Rosemarie Kuhn jede Menge, sie ist Pilzkontrolleurin und führt regelmässig Pilzexkursionen in Savognin durch. Heute darf ich sie und ihre Teilnehmer begleiten. Für einige ist es das erste Mal, andere sind schon leidenschaftliche Pilzler. Ich gehöre zu ersteren und kenne gerade mal den Steinpilz, die Eierschwämmli und natürlich den Fliegenpilz.

Bäume zeigen Pilze an

«As herbschtlet», schon sehr. Der Himmel ist schlumpfblau, kein Blatt bewegt sich. Ein wunderbarer Spätsommer- oder doch schon ein frühherbstlicher Tag.

Der Waldboden fühlt sich weich an, wie ein Wohlfühlteppich, auf dem man am liebsten barfuss laufen würde. Wir stehen inmitten einer kleinen Lichtung, sind umgeben von grossen Fichten und – beim genauen Hinsehen – auch von vielen kleinen, unterschiedlichen Pilzen.

Rosemarie weiss, wo die Pilze am liebsten aus dem Boden spriessen. So wachsen bestimmte Pilze bei bestimmten Bäumen, Steinpilze etwa bei Fichten.

«Und wenn ihr einen Fliegenpilz entdeckt, sind unweit meistens auch Steinpilze zu finden», erklärt uns die gutgelaunte Fachfrau.

Schon von weitem entdecken wir eine ganze Schar gurkenförmiger Pilze. «Das sind junge Schopf-Tintlinge und diese schmecken ausgezeichnet», weiss Rosemarie.

Pilz-Apps sind gefährlich


Um die Pilze zu bestimmen, benötigt die Pilzkontrolleurin den ganzen «Fruchtkörper», also den ganzen Pilz. «Sehr wichtig ist immer der Blick unter den Hut», erklärt sie. «Ob dort Lamellen, Röhren, Schwämme, Stoppeln, Leisten oder Poren sind, sagt viel aus. Aber auch die Struktur des Pilzes ist massgebend für die Bestimmung.» Und eines legt uns Rosemarie besonders ans Herz: «Bitte benutzt keine Pilz-Apps, denn diese erkennen nur die ganz einfachen Pilze. Die Folgen können verehrend sein.»

Wir laufen, schauen, suchen, riechen und finden. Das kleine, scharfe Pilzmesser inklusive der kleinen Bürste – übrigens mein nächstes Geschenk an mich selbst – kommt zum Einsatz. Ein schönes Gefühl. Und? Was für ein Pilz ist es? Kann man ihn essen oder ist er giftig? Wir sind gespannt, was Rosemarie sagt.

Grosse Artenvielfalt in Savognin

Während alle eifrig am Pilze sammeln sind, nutze ich die Chance, um mich mit Rosemarie zu unterhalten. Seit 22 Jahre führt sie bereits Pilzexkursionen durch, angefangen auf der Lenzerheide, mittlerweile in ganz Graubünden und mindestens schon zwölf Jahre in Savognin. «Die Exkursionen in und um Savognin mag ich besonders, da hier die Artenvielfalt so gross ist», schwärmt Rosemarie.

«Meine Lieblingspilze sind der Speise- und der Wiesel-Täubling. Der Wiesel-Täubling sieht von oben wie ein Steinpilz aus, wird jedoch oft liegen gelassen, weil er unter seinem Hütchen Lamellen hat. Schade, denn er ist einer der besten Speisepilze.»

Wie im Sternenmarsch finden sich die Teilnehmer nach und nach wieder am Ausgangspunkt ein. Mit wahrlich sehr unterschiedlichen Pilzsorten. Jeder einzelne Pilz wird angeschaut, bestimmt und – falls essbar – fürs gemeinsame Essen gerüstet.

Ein äusserst vielseitiger Pilzfund

«Die Artenvielfalt ist wirklich erstaunlich», sagt Rosmarie. In dieser doch eher kurzen Zeit wurde sogar der ganz seltene und geniessbare Wiesenchampignon gefunden.

Der obstartige und wunderschöne Stachelbeer-Täubling ist hingegen leider giftig. Doch wir dürfen trotzdem von ihm kosten. Hat ein etwas scharfer Nachgeschmack, so wie der wilde Schnittlauch, finde ich. Schmeckt eher wie Meerrettich, meint ein anderer Teilnehmer. Zu viele Kostversuche führen allerdings zu Bauchschmerzen und Lippenbläschen, also fertig probiert.

Zum Abschluss gehen wir alle zusammen hinunter nach Tiefencastel ins Hotel Albula, wo die Pilze in Butter gebraten, anschliessend mit Rahm abgelöscht und auf Toast serviert werden. Mhh, so fein! Zwei besondere Pilzarten möchte ich an dieser Stelle noch kurz vorstellen, die man nicht sogleich mit einem schmackhaften Pilzgericht in Verbindung setzt.

Zunderschwamm

Der Zunderschwamm ist auch im Surses verbreitet und meines Erachtens wunderschön anzuschauen. Er befällt geschwächte Laubbäume, meist Buchen oder Birken. Sein Fruchtkörper kann einen Durchmesser von bis zu 30 cm erreichen und bis zu 30 Jahre alt werden. Die Oberfläche ist rillig bis gefurcht und mit einer harten Kruste bedeckt. In Rumänien wird der Zunderschwamm auch heute noch zu einem lederartigen Material verarbeitet, aus dem kunstvolle Hütte, Taschen und Ähnliches gefertigt werden. Dank den blutstillenden und antiseptischen Eigenschaften findet der Zunderschwamm auch in der Medizin Verwendung.

Flechten

Sie sehen aus wie winzig kleine, wunderbare Zeichnungen in 3D. Und unter der Lupe leuchten sie in allen erdenklichen Farben und Formen, beinahe wie in einer verzauberten Welt. Flechten sind eine langandauernde Lebensgemeinschaft zwischen einem oder mehreren Pilzen. Sie wachsen sehr, sehr langsam, meist nur wenige Millimeter im Jahr, einzelne Arten sogar nur Bruchteile eines Millimeters. Sie besiedeln Baumrinden, Gesteine, Böden und selbst verrostetes Metall oder Kunststoffe, wo sie einzelnen Larven und Schmetterlingen als Nahrungsgrundlage dienen. Und im hohen Norden sind Flechten sogar die winterliche Hauptnahrungsquelle von Rentieren. Diese Renntierflechte kann man übrigens auch bei uns entdecken, zum Beispiel auf dem Alpenflora-Erlebnispfad in Somtgant. Eine hier ebenfalls wohlbekannte und weitverbreitete Flechte ist der gewöhnliche Baumbart («Barba pegn» auf Romanisch), er ist ein Zeichen für die hohe Luftqualität, denn nur so kann er wachsen.

Flechten sind wahrlich geheimnisvolle Pilze und es lohnt sich, beim nächsten Spaziergang eine Lupe mitzunehmen. Denn es gibt in dieser kleinen grossen Welt so viel zu entdecken. Ich danke Rosemarie für den kleinen Einblick. Es hat Spass gemacht und ich werde bestimmt mit dem Pilzlen beginnen. Was gibt es Besseres als ein Nachtessen mit frischen Pilzen aus unserer Region?

 

Angraztg fitg ed alla proxima.

- Seraina

Der heutige Pilzfund

Schopf-Tintling / Steinpilz / Champignon / Birkenröhrling / Rotkappe / Reizker / Speisetäubling / Wiesenchampignon / Pechschwarze Milchling / Goldröhrling / Rehpilz / Graue Lärchenröhrling / Pfefferröhrling / Weichritterling / Perlpilz / Semmelstoppel / Schleiereule.

Wussten Sie dass, der Pilz des Jahres 2020 – passend wie ich finde – die gewöhnliche Stinkmorchel ist?

Schon einmal einem Stäubling begegnet?