Unterwegs in der Ferienregion.
Die Macher hinter den Jugendherbergen
Der Entscheid des Stimmvolks war mit einem Ja-Anteil von 75 % deutlich: Die Gemeinde Surses kann das frühere Hotel Cube kaufen und zur «Jugendherberge Savognin» umbauen. Die Zeit ist knapp, denn im Dezember 2026 sollen bereits die ersten Gäste übernachten können.
Die Gemeinde arbeitet beim Umbau eng mit dem Verein Schweizer Jugendherbergen (SJH) und der Schweizerischen Stiftung für Sozialtourismus (SSST) zusammen. Geleitet werden die beiden Organisationen von Janine Bunte (SJH) und René Dobler (SSST). Sie ist für den Betrieb der Jugendherbergen zuständig – und somit auch für die neue Jugi in Savognin. Er verantwortet als Architekt und Nachhaltigkeitsexperte die Bauprojekte der Jugendherbergen.
Die beiden kennen sich seit 30 Jahren und sind ein eingespieltes Team, das viel Erfahrung in der Umnutzung von Gebäuden hat. Dabei setzen sie auf Nachhaltigkeit und gelten als Vorreiter im ökologischen Tourismus. Wir haben das Jugi-Führungsduo vor Ort in Savognin getroffen, nur wenige Tage nach der Urnenabstimmung.
Wie gross war die Freude nach dem klaren Entscheid der Stimmbevölkerung?
Janine: Es war eine Erleichterung und die Freude dementsprechend gross. Auch nach dieser intensiven Zeit im Vorfeld. Gleich am Montagmorgen darauf führten wir mit unserem Managementein Teammeeting durch, um sofort mit dem Projekt zu starten.
René: Konkret arbeiten zwei Teams parallel: ein Bauteam mit fünf Leuten – dieses führe ich. Und ein Betriebsteam mit zehn Personen, das sich um IT, Sales, Produkte, Angebot, Marketingstrategie, Website, PR, Food und Facility kümmert. Dieses führt Janine.
Janine: Unsere Leute sind sehr spezialisiert – wir haben wenig Allrounder – deshalb sind es zehn Mitarbeitende im Betriebsteam, die sich neben ihrem Tagesgeschäft nun um das Projekt kümmern. Eine Person verbindet beide Teams als Dreh- und Angelpunkt.
Was ist das Besondere an diesem Projekt?
Janine: Normalerweise haben wir unsere fixen Abläufe. Bei diesem Projekt dagegen muss man immer wieder neu auslegen und das bestehende Konzept berücksichtigen. Auch das Medieninteresse ist höher als sonst. Das Cube bewegt die Menschen.
René: Das ursprüngliche Cube war eine markante Idee: ein Würfel, urban, trendy, insbesondere auf Snowboarder und Biker ausgerichtet mit einem riesigen Bauvolumen. Die grosszügigen Räume bedeuten aber auch lange Wege und viel Leerraum. Normalerweise bauen wir kompakter, um möglichst übers ganze Jahr auslasten zu können und kostengünstig zu sein. Jetzt klären wir: Wie bringen wir unsere effizienten Abläufe in dieses grosse Volumen?
Gibt es innerhalb der Schweizer Jugendherbergen vergleichbare Betriebe?
Janine: Ja, etwa ein Drittel der Liegenschaften unserer Jugendherbergen befinden sich im Besitz der öffentlichen Hand. Auch sind etwa die Hälfte ebenfalls aus Umnutzungen entstanden. Von der Grösse her ist Savognin vergleichbar mit St. Moritz, vom Zimmermix mit Scuol oder Saanen-Gstaad.
Wie geht ihr mit dem engen Zeitplan um?
René: Am 1. April habe ich das Hotel Cube das erste Mal nach 15 Jahren wieder von innen gesehen. Es gab viele Gerüchte über den Zustand und wir waren auf einiges gefasst. Mein Eindruck nach dieser Begehung: Die Bausubstanz ist gut, die Abnutzung für ein 20 Jahre altes Gebäude normal. Dass es in den letzten Jahren wenig genutzt wurde, hat auch ein paar Vorteile. Ebenfalls liegt ein umfassender Baubericht vor. Jetzt geht es darum, schnell einen Überblick zu gewinnen, kritische Punkte zu analysieren und alles in die Wege zu leiten.
Janine: Wir wägen ab: Was kann bleiben, was muss ersetzt werden? Entscheide müssen schnell und doch sorgfältig zusammen mit der Gemeinde gefällt werden. Wir müssen also sehr effi zient und flexibel sein. Die Eröffnung im Dezember ist das Ziel, denn das Bettenvolumen wird im Tal gebraucht. Aber ja, der Zeitplan ist eng.
Wird die «Jugendherberge Savognin» neben Übernachtungen noch andere Services anbieten, etwa ein Restaurant?
Janine: Wie in allen unseren Jugendherbergen wird es einen öffentlichen Bereich geben – mit Spielmöglichkeiten wie Billard oder Töggelikasten und Getränkeautomaten. Ob es ein öffentliches Restaurant geben wird, ist derzeit noch off en. Wir zählen auf Zusammenarbeit und wollen nicht alles selber machen. Früher hatten wir selber ein Reisebüro oder eine Velovermietung. Aber wir wollen heute bei unserem Kerngeschäft bleiben.
René: Das Wichtigste im Tourismus ist, dass das Zusammenspiel der Partner vor Ort und damit das Gesamtangebot stimmt. Dann profitieren alle. Wir arbeiten immer im Austausch mit gleichgesinnten Partnern zusammen.
Ihr sprecht das Zusammenspiel der Dienstleistungen an.
René: Als Schweizer bist du dir gewohnt, für deine Ski- oder Wanderferien alles selbst zu organisieren: Übernachtung, Ausrüstung, Skipass, Skilehrer etc. Doch wer zum ersten Mal Skifahren geht – vor allem, wenn er von weither kommt – hat es gerne einfach. In einer Destination müssen die Angebote zusammenspielen und möglichst an einem Ort erhältlich sein. Künftig noch mehr als heute.
Janine: Auch junge Menschen möchten nicht zehn Anlaufstellen für eine Woche Ferien, sondern alles unkompliziert und möglichst online organisieren. Das digitale Erlebnis ist wichtig – besonders für internationale und junge Gäste. Der persönliche Kontakt bleibt trotzdem zentral.
Nachhaltigkeit wird bei den Jugendherbergen grossgeschrieben. Wie zeigt sich das beim Cube-Projekt?
René: Ein grosses, leerstehendes Gebäude wird wieder genutzt – das ist bereits ein erster wichtiger Faktor. Und jetzt gilt es, aus dem Vorhandenen das Optimum herauszuholen: weiterverwenden, was geht, und entscheiden, welche Kompromisse sinnvoll sind. Für die Heizung wäre Fernwärme ideal – aber wir müssen die Umsetzbarkeit prüfen. Nach den Umbauarbeiten soll der Betrieb als Ganzes auf jeden Fall einen anderen Eindruck machen und zu unserer Philosophie passen.
Kannst du das etwas konkretisieren?
René: Bei den Zimmern prüfen wir Mobiliar, Oberfl ächen, Bodenbeläge. Was passt zu uns? Wo können wir Kompromisse eingehen? Wo nicht? Für gewisse Dinge wie Lampen oder Schliesssysteme gibt es keine Ersatzteile mehr – auch das spielt eine Rolle.
Janine: Nachhaltigkeit bedeutet auch, dass wir mit lokalen Handwerksbetrieben zusammenarbeiten. Eine Herausforderung sind hier die personellen Kapazitäten für dieses doch grosse Umbauprojekt. Auch beim Essen möchten wir möglichst vieles aus der Region beziehen – soweit das möglich ist und es unser Fixpreis von CHF 19.50 für ein Drei-Gang-Menü zulässt.
Wie seid ihr persönlich im Projekt involviert?
René: Vor allem in der Lenkungsfunktion. Unsere Projektleiter müssen in Koordination mit der Gemeinde unzählige Entscheide fällen. Janine und mich braucht es wohl häufiger als sonst, damit diese Abstimmungsprozesse schnell und effizient ablaufen.
Wie würdet ihr eure beider Zusammenarbeit beschreiben?
Janine: Sie ist natürlich gewachsen – während 30 Jahren. Wir haben bereits einige Krisen durchgestanden, aber auch Erfolge gefeiert, das schweisst zusammen. Beide wissen wir genau, wie der andere tickt.
René: Zwischen uns besteht grosses Vertrauen und Hochachtung. Wir kennen unsere Kernkompetenzen und Stärken. Wenn ich weiss, Janine kann das besser, überlasse ich es ihr.
Janine: Als Typen sind wir jedoch sehr unterschiedlich – was wichtig ist, um Dinge von verschiedenen Seiten beleuchten zu können, so wird das Resultat besser.
René: Bei jedem Projekt fangen wir immer irgendwo an, mit dem Ziel, gemeinsam das Beste zu fi nden. In Diskussionen entstehen plötzlich neue, kreative Lösungen. Wir können als Team nicht mehr machen, als das Beste zu versuchen. Bei der Jugendherberge Savognin machen wir das ebenso.
Was ist euch persönlich wichtig?
Janine: Mit unserem Team etwas Gutes zu bewirken. Ferien machen ist nicht für alle Menschen selbstverständlich – wir möchten dies ermöglichen. Diese Sinnhaftigkeit, verbunden mit ökologischem, nachhaltigem Handeln macht mir Freude.
René: Auch für mich steht die sinnvolle Arbeit im Zentrum. Ich schätze unsere überschaubare Struktur, die Vielfalt der Projekte und die Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Partnern. Es erfüllt mich, mit begrenzten Mitteln etwas Gutes zu schaff en, ohne nur auf den eigenen Profi t zu schauen.
Was gab den Ausschlag, eine Jugendherberge im Val Surses zu betreiben?
René: Wenn man die Karte von Graubünden betrachtet, gibt es nicht mehr viele neue Standorte, mit denen wir unser Netzwerk sinnvoll ergänzen können. Aber das Cube mit rund 280 Betten liegt ideal und ist weit genug von anderen Jugis entfernt. Wir haben die Situation in Savognin darum schon länger beobachtet.
Janine: Wir freuen uns, gemeinsam mit der Gemeinde Surses ein Angebot zu schaffen, das neue Gäste anspricht und nachhaltige Erlebnisse ermöglicht. Durch die Einbindung in Plattformen im In- und Ausland soll die neue Jugendherberge zusätzliche Nachfrage generieren und die Bekanntheit der Region langfristig steigern. Das ist das Ziel.
Wie geht ihr mit der hohen Erwartungshaltung um?
René: Uns ist bewusst: Obwohl wir Kompromisse eingehen müssen, gilt es, die Erwartungen zu erfüllen. Und ich bin zuversichtlich, dass wir erfolgreich sein werden: Wir haben ein gutes Team, viel Erfahrung, kennen die Region, sind international vernetzt – und mit der Gemeinde Surses können wir uns auf einen zuverlässigen Auftraggeber und Partner verlassen.
Janine: Ja, die Eröffnung muss gelingen und gut sein: Du hast nur eine Chance für den ersten Eindruck. Wir hoffen, dass die Menschen in einigen Jahren sagen werden: Das war ein super Entscheid, aus dem Cube eine Jugendherberge zu machen. Vielen Dank für das Gespräch.
Text: Franco Furger und Bettina Bergamin
Janine Bunte (53), Mutter einer Tochter und eines Sohnes, arbeitet seit 30 Jahren bei den Schweizer Jugendherbergen – seit 2019 als CEO. Sie ist eidgenössisch diplomierte Expertin für Rechnungslegung und Controlling und engagiert sich branchenweit als Präsidentin von Parahotellerie Schweiz, discover.swiss und Equality-4Tourism sowie als Vorstandsmitglied der Schneesportinitiative GoSnow. Das Val Surses kennt sie auch von privater Seite bestens. Sie hat mit ihrer Familie seit 2008 eine Ferienwohnung in Talvangas und verbringt gerne Zeit auf den Pisten und Wanderwegen.
René Dobler (59), Vater einer Tochter und eines Sohnes, ist seit 1999 CEO der Schweizerischen Stiftung für Sozialtourismus, der Bau- und Immobilienorganisation hinter den Schweizer Jugendherbergen. Nach dem Architektur- und Bauökonomie-Studium an der ETH Zürich begann er 1993 als externer Berater bei der Stiftung. Unter seiner Leitung werden Jugendherbergen mit Fokus auf ökologische und nachhaltige Standards geplant und gebaut. Bereits als Kind war er oft im Val Surses in den Ferien – bei seinem Götti in Mon – und kommt auch heute noch regelmässig in seiner Freizeit ins Tal.