Unterwegs in der Ferienregion.
Ruth Pool – Wander- und Reiseleiterin
Sommerstimmung in Savognin. Die Morgensonne scheint auf den Platz, wo Ruth Pool auf ihre Gruppe wartet. Nach und nach treffen die Teilnehmenden ein. Sie wandern gemeinsam auf der Via Sett von Thusis bis nach Chiavenna in Italien. Die heutige Etappe ist lang und führt bis hinauf ins Passdorf Bivio.
Auf den Spuren der Römer
Die Via Sett kannten bereits die Römer, die vor über 2000 Jahren die Alpen via Septimerpass überquerten. Auf der Passhöhe ist ein römisches Militärlager nachgewiesen, ein zweites wurde vor zwei Jahren oberhalb von Cunter entdeckt. «Diese jüngsten Funde stufen Archäologen als international herausragend ein», erzählt Ruth. «Lange war die Via Sett eine wichtige Handelsroute und eine der direktesten Verbindungen über die Alpen. Überreste dieser historischen Wege werden wir heute sehen und begehen.»
Neugierig von klein auf
Die Wandergruppe zieht los und läuft entlang der Julia, die friedlich vor sich hinplätschert. Bei Tinizong erklärt Ruth: «Der Ortsname Tinnetione ist im Itinerarium Antonini, einem römischen Strassenverzeichnis aus dem 3. Jahrhundert, erwähnt – als Station an der wichtigen Alpenroute über den Septimerpass.»
Im verträumten Wald bei Rona, auch «Zauberwald» genannt, zeigt die Wanderleiterin auf den Boden, der mit runden Steinen belegt ist. Man erkennt sofort, dass diese Steine nicht zufällig so daliegen, sondern von Menschenhand platziert worden sind. «Hier zogen einst die Römer durch, heute wandern wir über die historische Pflästerung des Castelmurweges von 1387.»
Die 71-Jährige interessiert sich nicht nur für Historisches, sondern für alles, was man beim Wandern und Reisen erleben und sehen kann: Heilpflanzen, Wildtiere, Geologie, Alpenwirtschaft, Wetter, Kultur und so weiter. «Schon als Kind haben mich Geschichte und Natur fasziniert», sagt sie lachend. Diese Neugier hat sie bis heute nie verloren. So hat sie sich ein breites Wissen angeeignet, das sie stets erweitert und gerne weitergibt.
Anpacken und mit Elan umsetzen
Seit über 20 Jahren arbeitet Ruth im Val Surses mit Gästen – im Winter als Kinderskilehrerin und im Sommer als Wanderleiterin. Zudem hat sie einst das Sommerprogramm «Pinocchioclub» für Kinder der Skischule mitaufgebaut und im Leistungsauftrag des Tourismus mitbetreut. Dort hat sie zahlreiche Anlässe und Aktivitäten mitorganisiert und betreut, von der Zirkuswoche über Schlafen im Heu bis hin zu grösseren Sportevents.
Während dieser Zeit fing Ruth auch mit Reiseleitungen an. «Als ich eines Tages gefragt wurde, ob ich spontan als Leiterin für eine Busreise ins Engadin einspringen könne, sagte ich mir: Warum nicht, das Engadin kenne ich!» Ruth lacht: «Am Schluss der Reise meinte ein Teilnehmer, man merke, dass ich gut ausgebildet sei – obwohl ich ja alles aus dem Bauch heraus gemacht habe. Ab diesem Moment wusste ich: Das ist es!»
Man lernt auf jeder Reise
Aus dieser ersten Busreise sind Reisen bis in ferne Länder geworden: von Graubünden über Deutschland und Italien bis nach Laos, Kambodscha, Myanmar oder Bhutan. Rund ein Dutzend kürzere und längere Reisen führt sie pro Jahr durch, oft mehrtägige Velo- oder Trekkingreisen. Auch privat ist Ruth viel unterwegs und hat die halbe Welt bereist. «Reisen ist etwas vom Faszinierendsten. Es ist Bildung, die man in der Schule nicht bekommt. Am schönsten ist es, wenn man Zusammenhänge weit über die Region hinaus verstehen lernt. Es hat am Schluss immer einen Grund, warum die Dinge sind, wie sie sind. Und das ist enorm spannend.»
Sehnsucht nach den Bergen
Aufgewachsen ist Ruth Pool mit vier Geschwistern auf einem Bauernhof in Tobel im Thurgau. Früh entdeckte sie ihre Liebe zur Natur – und zu den Bergen. «Ich hatte immer Sehnsucht nach den Bergen und wollte eines Tages unbedingt dort leben. » Schon damals übernahm sie gerne Verantwortung: Sie ging in den Blauring und leitete später selbst Lager. Nach einer KV-Lehre und einem Abstecher nach Zürich zog es sie schliesslich ins Engadin. Dort arbeitete sie bei der Engadiner Post in St. Moritz und prüfte Texte und Inserate. Später lebte sie einige Jahre in Chur. In dieser Zeit lernte sie auf der Skipiste in Bivio ihren heutigen Mann Thomas Pool kennen – und das Val Surses wurde zu ihrer Heimat, wo die beiden drei Kinder grossgezogen haben.
Mit allen Sinnen wandern
Die Gruppe kommt gut voran und ist bereits in Rona. «Ruth weiss so viel Spannendes zu erzählen. Man sieht mit ihr viel mehr, als wenn man alleine unterwegs wäre und merkt gar nicht, wie weit man schon gelaufen ist», lacht eine Teilnehmerin. So weist die engagierte Exkursionsleiterin ihre Wandergruppe auf essbare Blüten und wilde Johannisbeeren hin – für uns fade schmeckend, für die Vögel ein Leckerbissen.
Doch Ruth weiss neben Flora, Fauna und Geschichte auch viele lokale Besonderheiten und Anekdoten zu erzählen. Ihr ist es wichtig, dass man nicht einfach nur wandert, sondern in die Landschaft, die Geschichte und die Eigenheiten eines Ortes eintaucht und ihn mit allen Sinnen spürt. «Ich möchte, dass die Gäste etwas erleben, das auch hängen bleibt. So tauchen wir gerne auch mal die Füsse in einen kalten Bach oder degustieren verschiedene lokale Spezialitäten.»
Zuhause hat Ruth eine riesige Sammlung an Büchern stehen. «Heute informiere ich mich natürlich auch viel übers Internet», sagt sie. Vor allem unterwegs sei das ganz praktisch. Das Internet habe aber nicht grundlegend etwas für sie geändert. «Natürlich sind die Leute teilweise sehr gut informiert. Aber sie schätzen es, wenn ihnen jemand die Zusammenhänge und das Besondere eines Ortes aufzeigt.»
Mit Herzblut für naturnahen Tourismus
Ruth ist eine engagierte Persönlichkeit im Val Surses, die ihre Meinung offen kundtut. Auch sehr viele Gäste kennen und schätzen sie. Ein wichtiges Anliegen ist ihr der nachhaltige Tourismus; dafür setzt sie sich mit Überzeugung ein. «Wir haben hier noch eine intakte Natur und vieles funktioniert im Einklang mit ihr. Es gibt noch zahlreiche Ecken, wo man ganz für sich sein kann. Mir gefällt es, wenn Natur noch Natur ist und kein Animationspark.»
Jeder Ort hat etwas Einzigartiges Die Gruppe ist in Bivio angekommen und steht vor einem roten Container, in dem die Ausstellung «RömerZeitReisen» zu sehen ist. Beleuchtet werden auch die römischen Lager auf dem Colm da Runga oberhalb Cunter und dem Septimerpass sowie die Fundstelle der Schlacht bei Burvagn – alles Fundstellen im Val Surses. «Unglaublich, all dies ist direkt vor unserer Haustüre gefunden worden», lacht die vielgereiste Wanderleiterin.
Die Römer haben Ruth schon immer fasziniert: ihre Erfindungen, das riesige Reich, das dennoch unterging, obwohl es technisch und kulturell anderen Völkern weit voraus war. Aber auch für Kelten, Etrusker oder Lykier interessiert sich Ruth. «Jede Kultur, jede Landschaft und jeder Ort hat etwas Einzigartiges. Ein Sonnenuntergang am Meer, der Flug eines Adlers, der Geruch von nasser Erde – für mich ist es eine Herzenssache, all diese Erlebnisse mit den Gästen zu teilen.»
Text: Franco Furger und Bettina Bergamin
Fotos: Archiv, Bettina Bergamin