Unterwegs in der Ferienregion.
Sie bringt Menschen und Natur zusammen
Wir treffen Rosemarie Kuhn auf dem Sitzplatz ihrer neuen Wohnung in Savognin. Die Sonne wärmt uns, Vögel zwitschern, im Hintergrund grasen einige Schafe und weiter oben stehen Esel, die ebenfalls friedlich fressen. Was Vögel, Schafe und Esel gerne mögen, das interessiert auch Rosemarie. Wildpflanzen und Pilze sind nämlich ihre grosse Leidenschaft. Die langjährige Exkursionsleiterin ist fasziniert von der Artenvielfalt, die sie im Val Surses vorfindet – eine wahre Schatzkammer, wie sie sagt. Am liebsten ist die Pilzexpertin zusammen mit anderen Menschen in der
Natur unterwegs, um ihr grosses Wissen weiterzugeben. Ihre Begeisterungsfähigkeit ist sofort zu spüren, als sie zu erzählen beginnt.
Wenn schon, denn schon
Alles begann mit einem Pilzkurs in der Klubschule Migros: Das Thema packte Rosemarie und sie trat dem Bündner Pilzverein bei, dem sie inzwischen seit 40 Jahren angehört. Bald darauf sagte sich die vielseitige Frau: «Wenn’s dich interessiert, machst du’s entweder richtig oder gar nicht.» Gesagt, getan. 1997 legte sie die Prüfung zur Pilzkontrolleurin am Plantahof in Landquart ab und ein Jahr später führte sie ihre ersten Pilzexkursionen durch – seit 2005 auch im Val Surses. Inzwischen bietet sie Ausflüge während der ganzen Pilzzeit an, letztes Jahr mit über 600 Teilnehmenden.
Pilzinteresse nimmt zu
«Das Interesse ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Ich erhalte mehr Anfragen für Pilzexkursionen und auch für -kontrollen. Pro Jahr sind es etwa 50 Kontrollen, je nach Pilzvorkommen. Wenn viele Steinpilze spriessen, dann gibt es mehr Anrufe.» Der Ablauf einer Pilzkontrolle ist einfach: Man ruft Rosemarie an, vereinbart einen Termin und geht mit den Pilzen vorbei. Manchmal kann die Kontrolleurin auch spontan bei den Sammlern vorbeigehen, wenn sie in der Nähe ist. Wichtig ist, die Pilze trocken und kühl aufzubewahren. «In der Regel interessiert die Menschen die Essbarkeit der Pilze. Gibt es einen Zweifelsfall, wird der Pilz aussortiert.»
400 Pilze bestimmen
Als geprüfte Pilzkontrolleurin kann Rosemarie etwa 400 verschiedene Pilze bestimmen. «Es gibt aber noch viel mehr», betont sie. Weltweit seien rund 12'000 Höhere Pilzarten wissenschaftlich
beschrieben, wobei Forschende die Zahl noch viel höher schätzen. «Ich befasse mich mit makroskopischen Merkmalen – also mit Eigenschaften, die man von blossem Auge sieht. Zum Beispiel: Hat der Pilz Lamellen, Röhren, Leisten oder Poren unter dem Hut? Unter dem Mikroskop
sieht man natürlich noch viel mehr.»
Früher war es Vorschrift, dass jede Gemeinde ihren eigenen Pilzkontrolleur hatte. Heute übernehmen diese Aufgabe meist Privatpersonen wie Rosemarie. «Das finde ich besser. So wird nur von Personen kontrolliert, die sich wirklich dafür interessieren.» Rosemarie selbst mag Exkursionen zu Lehrzwecken lieber als Kontrollen – «wegen dem gemeinsamen Erlebnis und dem Austausch mit Menschen».
Learning by doing
Den Anfang machten die Pilze, doch dabei blieb es nicht. Rosemarie begann, sich auch intensiv mit Wildkräutern und Heilpflanzen zu beschäftigen. Daraus sind weitere Angebote wie «Heilsalbe herstellen» oder «Pesto aus Wildkräutern machen» entstanden. Sie will Naturwissen auf einfache Art vermitteln und etwas Greifbares weitergeben. Darum ist es ihr wichtig, dass die Menschen am Schluss etwas in der Hand halten: frische Pilze, eine Heilsalbe oder ein feines Pesto.
Rosemaries Motto ist «Learning by doing»: immer wieder dazulernen und Neues anpacken. «Ich muss keine Koryphäe sein, um etwas zu vermitteln. Ich gebe weiter, was mir selber auch Freude bereitet.» Entscheidend ist für sie, dass sie Menschen und Natur zusammenbringen kann. «Ich organisiere und vernetze gerne und liebe die Natur.» So ist aus dem Hobby ein Beruf geworden.
Eine sinnstiftende Aufgabe
Rosemarie mag Menschen und hilft gerne. Sie ist nicht nur eine ausgewiesene Naturkennerin, sondern auch Erwachsenenbildnerin mit eidgenössischem Fachausweis. In dieser Funktion hat
sie 20 Jahre lang Menschen zurück ins Berufsleben begleitet. Wie so oft ergab sich auch dieses Engagement aus einer «zufälligen Gelegenheit», die sie sofort beim Schopf packte. Eine Freundin von Rosemarie wurde arbeitslos und begann, Wiedereingliederungskurse für andere Arbeitslose zu organisieren. Daraus entstand eine Firma, die im Auftrag des RAV (Regionales Arbeitsvermittlungszentrum) arbeitet. Rosemarie half zuerst aus, absolvierte Kurse in Erwachsenenbildung und systemischem Coaching und stieg danach in die Firma ein. «Das hat mir ebenfalls sehr gefallen – es ist eine sinnstiftende Aufgabe.»
Schon immer in der Natur
Aufgewachsen ist Rosemarie in Oberuzwil (SG), etwas ausserhalb des Dorfes. Dort erlebte sie mit zwei Brüdern und einer Schwester eine glückliche Kindheit. Nur schon der zwei Kilometer lange Schulweg war ein (Natur-)Erlebnis für sich. Nach der obligatorischen Schulzeit machte Rosemarie eine KV-Lehre in einer Textilfabrik in Flawil. Nach zwei Reisejahren in England und Frankreich führte ihr Weg nach Graubünden. Die Lenzerheide wurde zu ihrer Heimat; im Winter arbeitete sie viele Jahre im Skischulbüro, im Sommer machte sie Reiseleitungen und Exkursionen, die sie auch regelmässig ins Val Surses führten.
Ran an die Wildbeeren
Seit Kurzem wohnt Rosemarie in Savognin. Auch das habe sich einfach gefügt, schmunzelt sie. «Als ich das Bauprojekt Grava mit schönen Eigentumswohnungen sah, dachte ich: Das wär’s doch.» Sie mag die zentrale und doch ländliche Lage, die gute Nachbarschaft – und dass sie nun näher bei ihrer Tochter ist, die mit ihrer Familie in Bivio lebt. Auch die beiden Söhne sind mit Chur und Churwalden nicht weit weg.
Rosemarie freut sich auf den Sommer und ihre verschiedenen Exkursionen, ganz besonders auf das neue Herbstangebot, das sie zusammen mit ihrer Tochter durchführt – «Wildbeeren entdecken ». Wetten, dass Rosemarie bis dahin alles Verfügbare zu Preiselbeeren, Sanddorn, Heidelbeeren, Himbeeren, Wacholder u.a. gelesen hat? Denn halbe Sachen machen, das geht für sie nicht.
Text: Franco Furger und Bettina Bergamin
Fotos: filmgerberei, Rosmarie Kuhn
Exkursionen mit Rosemarie
Pesto aus Wildkräutern herstellen, Pilz-Exkursion, Wildbeeren entdecken, Klangmassagen auf Anfrage. Mehr Informationen zu Rosemarie Kuhn: www.pilze-gr.ch. Details und Buchung der Exkursionen: www.valsurses.ch/erlebnisse